Bericht zum Vortrag "Nikolaus Benjamin Richter - Astronom, Meteorologe, Geograph und Maler"
von Pfr. Matthias Richter, Dessau
06.06.2016, 19:00 Uhr, Astronomiemuseum der Sternwarte Sonneberg
Autor: Peter Kroll, Astronomiemuseum e.V.

Eine sehr persönliche Reise in die Vergangenheit der Sternwarte Sonneberg

Referent Pfr. Matthias Richter
Referent Pfr. Matthias Richter

Im Anfang war da ein schwarzer Koffer mit einer Aktentasche voller Dokumente und Schreiben, die der Vater kurz vor seinem Tode dem Sohn in vertraulichem Gespräch hinterlässt. So geschehen 1980, doch es dauert bis zur Wende, ehe der Sohn, Matthias Richter, Pfarrer in Dessau, die Zeit und Kraft findet, sich dem besonderen väterlichen Erbe zuzuwenden und in die auch eigene Geschichte einzutauchen. Sein Vater war schließlich niemand geringeres als der Gründungsdirektor des Karl-Schwarzschild-Observatoriums in Tautenburg bei Jena, Professor Nikolaus Benjamin Richter. Doch vor dieser Position hatte N.B. Richter viele Jahre auch an der Sternwarte Sonneberg gearbeitet.

Cuno Hoffmeister als treibender Geist, Gründer und jahrzehntelanger Direktor der Sternwarte Sonneberg war zweifellos der überragendste und bedeutendste Astronom des Sonneberger Instituts. Aber Hoffmeister war kein Eigenbrötler, sondern versammelte viele junge, begabte und enthusiatische Astronomiebegeisterte um sich, die er nach Kräften unterstützte, manchmal sogar unmittelbar aus der eigenen Brieftasche.

So findet auch N.B. Richter, Jahrgang 1910, aus Schneeberg-Neustädtel im Erzgebirge stammend, noch als Gymnasiast den Weg auf den Erbisbühl. Hoffmeister erkennt offenbar recht schnell das Potential des jungen Mannes und lädt ihn während dessen Studienzeiten in Göttingen und Leipzig mehrfach zu Praktika an die Sternwarte Sonneberg ein.

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Hoffmeister und Richter entwickelt sich später in ein kollegiales, beinahe freundschaftliches, aber auch sportlich-ehrgeiziges: im Wettbewerb zwischen den beiden, wer die längsten Nächte ununterbrochen Meteore gezählt hat, hält Richter lange Jahre den Rekord, den Hoffmeister schließlich mit 10 Stunden und 40 Minuten bricht. Und als dieser 1933 eine erste Schiffsexpedition nach Südamerika zur Beobachtung des südlichen Sternhimmels unternimmt, darf der Student Richter den Institutschef begleiten - was für eine Auszeichnung! Nach verschiedenen Stationen in Leipzig und Babelsberg vertritt Richter 1937/38 Hoffmeister, der sich 13 Monate in Südafrika aufhielt, als Direktor der Sternwarte.

Im zweiten Weltkrieg wird Richter für das "Sonderkommando Dora" als Astronom und Meteorologe bei der Erkundung Libyens verpflichtet. Die Wüste fasziniert ihn, ganz besonders die Oase "Wau-en Namus" hat es ihm angetan, ein schwarzer Vulkankegel, umgeben von schilfgürtligen Seen. Das Naturerlebnis beeindruckt Richter so stark, dass er die Oase in den 1950er Jahren noch mehrfach, zumeist mit seiner Frau Lore, besucht und kartografisch genauestens vermisst. N.B. Richter, auch künstlerisch begabt, ist durch die Schönheit der Wüste offenbar zutiefst berührt und widmet ihr immerhin 42 Aquarelle und zwei Ölgemälde. Mit "Unvergessliche Sahara" und "Auf dem Wege zur Schwarzen Oase" verfasst er in den späteren Jahren auch zwei Bücher über diese Expeditionen.

N.B.Richter und Frau Lore in Wau-en Namus
N.B.Richter und Frau Lore in Wau-en Namus

Nach dem Krieg beginnt 1947 für Richter der längste Abschnitt an der Sternwarte Sonneberg, Hoffmeister holt ihn als Observator zu sich. Die Richters, inzwischen Eltern zweier Kinder, kommen zunächst in Köppelsdorf, später am Schönberg unter. Bis 1960 dauert der Aufenthalt in Sonneberg, ein Abschnitt, an den sich der Vortragende, Sohn Matthias Richter, noch lebhaft erinnern kann.

Als in Tautenburg bei Jena das zunächst gesamtdeutsches Projekt eines Observatoriums mit der größten Schmidt-Kamera der Welt, einem Spezialteleskop, aufgebaut wird, beginnt für N.B. Richter die größte Herausforderung seines Lebens. Mitinitiator und Kuratoriumsmitglied des neuen Instituts ist Hoffmeister, und tatsächlich wird sein Schüler Richter zuerst Leiter, später Direktor des Karl-Schwarzschild-Observatoriums (heute Sitz der Thüringer Landessternwarte).

Richters Forschungsgebiete sind die Kometen und die Staub- und Gaswolken zwischen den Planeten und Sternen, ein Thema, mit der er sich schon in Sonneberg befasst hat, aber auch ferne und daher leuchtschwache Galaxien, die mit dem großen Teleskop besonders gut fotografiert und untersucht werden können. 1966 wird Richter schließlich zum Professor ernannt. Als staatlicher Leiter einer "selbständigen Abteilung" der Akademie der Wissenschaften der DDR hat Richter relativ große Freiheiten. Bis zu seinem Ruhestand 1975 ist er als Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisator in Ost und West als geschätzter Gesprächspartner unterwegs. Trotz Pensionierung immer noch als Berater und Gutachter aktiv, erkrankt Richter wenige Jahre später an Krebs. Er stirbt am 26. November 1980. Der Kleinplanet Nummer 3338, entdeckt 1973 von Freimut Börngen mit dem Tautenburger Teleskop, trägt ihm zu Ehren seinen Namen.

Die Dokumente im schwarzen Koffer nahm Sohn Matthias vor einigen Jahren zum Anlass, den Lebenslauf seines Vaters genauer zu erforschen und sich mit der wechselvollen Geschichte im privaten wie im Wissenschaftsumfeld, gegeben durch die historischen Geschehnisse des vergangenen Jahrhunderts, zu befassen. Matthias Richter suchte Kontakt zu zahlreichen Bekannten seines Vaters, studierte Archive und wissenschaftliche Schriften. Seine Erkenntnisse sind akribisch versammelt in einer im Selbstverlag herausgegebenen Biographie"Nikolaus Benjamin Richter - Astronom, Meteorologe, Geograph, Maler und Vater".

Aquarell von N.B.Richter
Aquarell von N.B.Richter

Der Vortrag von Matthias Richter im Astronomiemuseum geriet zu einer eher ungewöhnlichen Versammlung. Wohl etwa die Hälfte der Anwesenden waren gekommen, um einen alten, lange nicht gesehenen Bekannten zu begrüßen und sich an gemeinsame Schuljahre und Erlebnisse in den 1950er Jahren zu erinnern. Ein besonderes Schmankerl hatte noch Frau Karin Steiner aus Neufang parat: Sie präsentierte zwei Aquarelle von N.B. Richter aus ihrem Familienbesitz dem erst einmal sprachlosen und sichtlich berührten Sohn Matthias, denn die Existenz dieser Werke war ihm unbekannt gewesen.

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